Tagesanzeiger.ch / Outdoorblog | Donnerstag, 24. November 2011

Outdoorblog: Mein erstes Mal

Über dem Weisshorn: Gleitschirmfliegen kann man problemlos auch im Winter.

Aus der Vogelperspektive.

Auf mein erstes Mal wollte ich mich gewissenhaft vorbereiten. Videoausschnitte aus dem Internet sollten mir zeigen, was mich erwarten könnte. Doch die Recherche auf Youtube hätte ich besser sein lassen. Ich stiess auf Videos mit Namen wie «Lebensmüder Todesflieger» oder «Fataler Absturz nach vergessenem Startcheck». Nein, so wollte ich nicht enden. Doch der Flug war bereits gebucht und am Telefon hatte Flugexperte Walo – in Gleitschirmkreisen wird immer geduzt – vertrauenswürdig geklungen.

Es geht los

Bahnhof Illanz, 9 Uhr früh: Der Himmel strahlend blau, die Temperatur für die späte Jahreszeit überraschend warm. In meinen Augen sollte dies das perfekte Flugwetter sein. Ich irre. Gleich nach der knappen Begrüssung meint Walo, dass wir uns beeilen sollten: «In wenigen Stunden kommt der Föhn.» Gleitschirmfliegen mit Föhnwind ist in etwa dasselbe wie Achterbahnfahren mit Herzschrittmacher – ein Akt für Lebensmüde.

Mit dem Kleinbus fahren wir im Sportwagentempo zum Startplatz oberhalb des Dorfes Ruschein. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Flugverrückten und zwei Newsnetz-Journalisten, die versuchen, mit cool gestellten Fragen ihre Nervosität zu überdecken. Viel Zeit zum Sprechen bleibt nicht. Noch schnell ein Erinnerungsfoto vom morgendlichen Panorama geknipst, und schon hänge ich an einem Karabiner fest. Werner Messerschmidt komplettiert das Tandemgespann. Werner ist eine braungebrannte, bayerische Frohnatur, der ebenso gut als Skilehrer durchgehen könnte.


Der Newsnetz-Journalist und Outdoor-Blogger Martin Sturzenegger.

Nach kurzem Kontrollcheck stehen wir auf dem steilen Wiesenabhang und warten auf Gegenwind. Nur das Gebimmel der Kuhglocken verbreitet jetzt noch etwas Gemütlichkeit. Mein Herz pocht – umso mehr, als mir die Youtube-Videos wieder durch den Kopf schiessen. Der Start soll besonders heikel sein. Einen Windhauch später gibt Werner das Kommando: «oans, zwoa, dreii…» Mit dem gesamten Körpergewicht legen wir uns in die Nylonseile, der Schirm füllt sich mit Luft und erhebt sich senkrecht. Vier bis fünf Schritte später verliere ich den Boden unter den Füssen. Alles geht sehr schnell. Wie von einem Katapult geschleudert, schweben wir nun hoch über Weiden, Tannen und Alphütten. Es fühlt sich an wie Sesselbahnfahren, nur höher, schneller und ohne Schutzklappe. Besser.

Wie Mary Poppins mit Regenschirm

In der Luft senkt sich mein Adrenalinspiegel und weicht einem Gefühl der Verzückung. Vor mir liegt ein fantastisches 360-Grad-Panorama. Nach anfänglichen Jauchzern geniesse ich nun schweigend. Doch Werner Ansage erschreckt mich ein wenig: «Du kannst jetzt das Steuer übernehmen.» Zögerlich ziehe ich an der Leine – nichts passiert. Ich ziehe etwas fester. Wir stürzen seitlich nach unten, wie nach Erreichen des Peak-Points auf der Achterbahn. «Lebensmüder Journalist stürzt bei erstem Gleitschirmflug in Misthaufen» – solch peinliche Schlagzeilen wollte ich mir und meinen Mitmenschen ersparen. Gemeinsam mit Werner bringe ich den Vogel wieder auf Kurs. Kurz danach landen wir so sanft wie Mary Poppins mit ihrem Regenschirm.

Doch an wen richtet sich nun diese Sportart, die sich in der Schweiz seit den 80er-Jahren kontinuierlich verbreitet und weiterentwickelt hat? Ist es etwas für Adrenalinjunkies, denen es Spass macht, wilde Formationen zu fliegen und dabei die Hochspannungsleitung nur um Haaresbreite zu verfehlen? Ist Gleitschirmfliegen etwas für Geniesser und Alpenesoteriker, denen das ruhige Schweben ein bewusstseinserweiterndes Erlebnis beschert? Oder ist es am Ende gar eine Sportart für Halbstarke, denen der Gummiseil-Sprung in die Verzasca-Schlucht zu riskant erscheint, die aber eben doch mal «etwas Verrücktes » erleben möchten? Flugschulleiter Walo: «Gleitschirmfliegen ist für alle Leute. Es ist die Aufgabe des Fluglehrers, den Piloten zu helfen, dass sie ihre eigene Einstellung zum Fliegen definieren können. Das Wichtigste ist, dass man seine eigenen Grenzen und Fähigkeiten richtig einschätzt.»

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