Zürcher Oberländer | Montag, 19. April 2010

Osi – ein Kutscher aus Leidenschaft

Osi mit seinem Fünfergespann.

Die Pferdekutschen gehören beim Sechseläutenumzug zu den spektakulärsten Elementen. Einer der dabei ganz oben sitzt ist Oskar Diener aus Hinwil.

Es herrscht Hochbetrieb auf dem Hof von Oskar Diener. Wagen werden in Stand gesetzt, Geschirre für die Pferde poliert und Hufe beschlagen. Es sind die letzten Vorbereitungen für den Tag, den sich der 60-jährige Hinwiler jährlich dick in der Agenda anstreicht: Das Zürcher Sechseläuten.
 
Seit 15 Jahren ist Diener gebucht – er, sein freiwilliges Helferteam und die Kutschen. Auf dem Land kennt man ihn von seinen Wochenendausflügen, in Zürich wegen seinen Fahrten durch die Bahnhofstrasse. Die Zunft Schwamendingen hat sich seine Dienste gesichert und vertraut ihm ihre „Herzogenmühle“ an. Der prächtige Wagen ist das Wahrzeichen der Zunft. Es braucht fünf Pferde, um das drei Tonnen schwere Gefährt bis zum brennenden Böög auf der Sechseläuten-Wiese zu karren. Zunftmeister Dr. Werner Städeli weiss um die Schwierigkeit dieser Aufgabe: Viel Voraussicht sei gefragt, damit der lange Wagen nicht in die Zuschauer gerate. „Die Erfahrenheit unseres Kutschers hat uns bisher vor solchem Unglück bewahrt.“ Dieser thront seelenruhig und zügelt sein Gespann. Mit verschmitztem Blick blinzelt er unter seinem Hut hervor, die lange Peitsche sanft schwingend – so ist er ganz in seinem Element: Oskar Diener oder Osi der Kutscher, wie man ihn besser kennt.
 
 
Das Kutschieren ist für ihn eine Passion, das Beschlagen von Hufen sein Beruf. Im Zürcher Oberland aufgewachsen hat Oskar Diener vor über 40 Jahren das Handwerk des Huf- und Wagenschmieds erlernt. Damals galt eine Kutsche noch als valable Option für den alltäglichen Transport. In diesem Punkt wurde sie längst von einem Angebot an schnelleren, aber weit weniger umweltfreundlichen Transportmittel überrollt: Taxis, Lieferwagen oder die Züge, die seit neustem im 15-Minuten-Takt dicht an Oskar Dieners Hof vorbeisausen. Dafür hat das Kutschenfahren an Romantik dazugewonnen: Gut 20 Fahrten unternimmt Diener jährlich für seine Kunden: Hochzeitspaare, Kinder oder ganze Firmenbelegschaften wünschen sich einen Ritt in die Vergangenheit  – das Geschäft mit der Nostalgie floriert. Dennoch, die Fahrten bringen Oskar Huber nicht viel mehr als ein „Wechselgeld“: „Verdiene ich jährlich rund 15‘000 Franken, so investiere ich im Winter deren 20‘000 in Kutschenrestaurationen.“
 
Pferdekutsche statt Cobratram
 
Ein Zug braucht für die Fahrt nach Zürich knapp 20 Minuten. Oskar Diener mit seinem Gespann rund vier Stunden. Diesen Montagmorgen um sieben Uhr erfolgt der Startschuss. Mit vier Kutschen und zwölf Pferden führt der 30 Kilometer lange Weg der alten Forchstrasse entlang. Auf dem Forchplatz gibt es für Mensch und Tier eine Zwischenverpflegung, bevor es weitergeht bis nach Tiefenbrunnen, wo eine Kutsche gegen die „Herzogenmühle“ eingetauscht wird. Der Halt bietet eine letzte Gelegenheit, um das optische Bild nochmals zurechtzurücken. „Ab diesem Moment muss alles perfekt sein“, sagt Oskar Diener. Die weitere Fahrt durch die Stadt bis zum Glockenhof – dem Zunfthaus der Schwamendinger -  ist bereits ein erstes Schaulaufen. Eine Kutsche in der Stadt dürfte ähnlich viel Aufmerksamkeit erregen, wie wenn sich ein blaues Züri-Tram ins Zürcher Oberland verirren würde.
 
Schutzengel auf dem Rücksitz
 
Die urbane Hektik kann Osi und seinen Pferden nichts anhaben. Dies sei aber nicht alleine ihm zu verdanken: „Ich muss wohl ein Schutzengel haben“, meint der Kutscher. In seinen bisher 14 Einsätzen als Chef-Kutscher der Zunft Schwamendingen blieben Osi und sein Team von Zwischenfällen verschont.
 
Und dann, am Ende eines harten Tages, wenn dem Böög der Kopf explodiert, spüren es auch die Pferde in den Knochen. Für einmal schwört Kutscher Osi der Nostalgie ab und bedient sich der modernen Transportmittel: Für die Heimfahrt ist für die gesamte Kutschertruppe ein Transport gebucht.
 
Mehr Infos unter: www.dienerkutschenfahrten.ch

Kommentare

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