Die blauen Billetautomaten der SBB sind schon länger nicht mehr aus dem Pendleralltag wegzudenken. Sie erlauben dem Bahnkunden den schnellen und unkomplizierten Kauf einer Fahrkarte – vorausgesetzt, die Technik funktioniert. Die bedienten Bahnschalter werden zunehmend von den blauen Wunderkisten in den Hintergrund verdrängt. 24 Stunden einsatzbereit und insgesamt eine technische Errungenschaft auf die der moderne Mensch nicht verzichten will.
Am Bahnhof Bubikon überdenken jedoch viele Pendler ihre alltäglichen Routinen: Mensch oder Maschine? – stellt sich plötzlich die Frage. Auslöser für diesen unfreiwillig-philosophischen Exkurs ist Eugen Schmidli, der seit 18 Jahren die Geschicke der Bahnhofstelle leitet. Seine freundliche und kommunikative Art bringt Bahnkunden regelmässig dazu, der Maschine abzuschwören, um dafür die menschlichen Dienste in Anspruch zu nehmen. So wird die alltägliche Hektik gerne einmal vergessen, wenn dafür noch ein Schwatz mit dem Schmidli drinliegt. „Man muss immer abschätzen, wie viel es bei den einzelnen Kunden verträgt“, – sagt Schmidli, der nach 49 Jahren bei der Bahn profunde Menschenkenntnisse besitzt.
Von weit angereist
Nicht nur das lockere Plaudern, sondern auch die persönliche Beratung wird von den Reisenden geschätzt: Es gibt Tage, da bedienen Schmidli und sein langjähriger Angestellter René Pürro bis zu 200 Kunden. Die Stammkundschaft erstreckt sich von Zürich über Rapperswil bis ins Glarnerland und es gebe sogar Leute, die extra mit dem Auto anreisen, um sich vom beliebten Bahnbeamten ein Ticket aushändigen zu lassen. Schmidli flüstert ihnen Tipps zu aktuellen Aktionen oder besonders lohnenswerten Reiserouten zu und würzt den kostenlosen Service meistens noch mit ein paar flotten Sprüchen – alles Dinge, die ein Automat nicht kann. Der Erfolg misst sich in den fast 1000 Generalabonnements, die das Team jährlich am Schalter absetzt. Die Kehrseite der Medaille: Der Umsatz am Automaten war zeitweise Rückläufig. Die erfreuliche Nachricht: Mensch besiegt Maschine.
Die Passion der Eisenbahn hat Schmidli schon früh gepackt. In der 4. Klasse zeigte er sich beeindruckt von den roten Hüten und Kellen, die damals noch stolz den Bahnhofvorstand repräsentierten. Und als er am Bahnhof Oerlikon fürs Rangieren einmal selbst Handanlegen durfte, war das Feuer endgültig entfacht. Da konnte ihn sein Lehrer auch nicht mit Hinweisen zur übermässigen Verantwortung von Bahnangestellten von seinem Vorhaben abbringen: „Bahnhofvorsteher sind stets mit einem Bein im Grab und mit dem anderen im Zuchthaus.“ Soweit ist es nie gekommen. Schmidli war stets ein aufmerksamer Hüter über seine Gleise und Perrons.
Früher alles noch von Hand
Seit 1996 – als in der Schweiz die Bahnhofsvorstände abgeschafft wurden - hat sich die Aufgabentätigkeit von Schmidli grundlegend verändert. Die Überwachungsfunktion wird heute von Computern übernommen und die Gütertransporte muss er auch nicht mehr selbst entgegennehmen. Langweilig sei es ihm trotzdem nicht und mit 65 Jahren dürfte er froh sein, dass er die Weichen, Barrieren und Signale nicht mehr von Hand bedienen muss. Die Kerntätigkeit liegt nun in der Reiseberatung und dem Ticketverkauf. Das wird sich bis zu seiner bevorstehenden Pension nicht mehr ändern: „Viele der Kunden sind traurig, dass Schmidli geht“, sagt René Pürro, der selbst am bevorstehenden Wechsel zu beissen hat. Die Zeit mit Schmidli sei einmalig gewesen. In 18 Jahren Zusammenarbeit entwickelte sich aus der Berufskollegschaft eine Freundschaft.
Das gut funktionierende Team ist wohl auch der Erfolgsgrund einer Ära, die nun zum Bedauern vieler Leute zu Ende geht. „Die Kundschaft spürt, dass eine gute Stimmung herrscht und kommt wohl deshalb gerne zu uns“, sagt Schmidli. Den Kundenkontakt wird er vermissen – das wisse er jetzt schon. Die neu gewonnene Zeit möchte er fürs Reisen nutzen. Städteausflüge mit seiner Frau nach Wien, Bratislava, Rom und immer wieder Neues entdecken, auf das freue er sich. Und wahrscheinlich profitiert noch jemand anders von seinem Rücktritt: Der blaue Billetautomat, dessen Umsatz ab kommendem Juli wieder steigen wird.
Zürcher Oberländer | Mittwoch, 26. Mai 2010
Für ihn kamen die Kunden von weit her
Grosse Stammkundschaft, flotte Sprüche – nach 18 Jahren gehtBahnhofstellenleiter Eugen Schmidli in Rente
Foto: (glg)
Er ist das freundliche Gesicht vom Bahnhof Bubikon: Ab Ende Mai tritt Geschäftsführer Eugen Schmidli in Pension. Viele Pendler werden dies bedauern.



Kommentare
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