Zürcher Oberländer | Freitag, 21. Mai 2010

Erst ins Réduit, dann ins Ritterhaus

Kurt Schmid ist Ehrenmitglied der Ritterhausgesellschaft und Historiker

Foto: (k)

Max Frisch und General Guisan kannte er persönlich: Der ehemalige Lehrer, Soldat und Heimatkundler Kurt Schmid feierte seinen 90. Geburtstag und blickt auf ein spannendes Leben zurück.

Heimatlich, geschichtsträchtig: Das sind Attribute, die einem in Kurt Schmids Wohnung in den Sinn kommen. Die Wände sind gesäumt von Bildern mit Schweizer Landschaften, Geschichtsbüchern, antiken Uhren und persönlichen Auszeichnungen –  Zeitdokumente, die bei genauerer Betrachtung viel zu erzählen wüssten. Mittendrin steht Kurt Schmid, der es am besten weiss: Wach, standhaft und erstaunlich jung ist er geblieben. Sobald der klein gewachsene Mann zu sprechen beginnt, vergisst man seine 90 Lebensjahre: «Schön, das er züenis chömed!» – seine Gäste werden stets herzlich empfangen.
 
Die Gastfreundschaft ist bei Schmid, dem Ehrenmitglied des Ritterhauses, schon früh gewachsen und zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Mehrere Jahrzehnte machte er öffentliche Führungen im Ritterhaus Bubikon. Er empfing unzählige Menschen und liess sie an seinem Wissen über den Johanniterorden teilhaben. In die Welt der Schlachten, Kreuzzüge und Ordensleute tauchte Schmid mit Leidenschaft ein. Tagelang wälzte er die Geschichtsbücher seiner geistigen Vorgänger, bis er selbst zum grössten Experten wurde. Die Jahrhefte des Ritterhauses wurden viele Jahre von ihm recherchiert, geschrieben und korrigiert.
 
Fürs Vaterland sterben

Das Ritterhaus war dabei auch sein Zuhause. Im Gesindehaus – dort, wo früher die Knechte und Mägde hausten – fühlte sich Schmid mit seiner Frau, einer Keramikerin, während dreissig Jahren wohl. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer sein grösstes Glück, wie Schmid betont. Es gibt ein zweites Gemäuer, das Schmids Leben prägte – wenn auch unter etwas ungemütlicheren Umständen. Im Zweiten Weltkrieg war Schmid einer der Wehrmänner, die im Sinne der Geistigen Landesverteidigung ins Réduit zurückgezogen wurden. Auf einmal hiess es: «Jetzt kommen die Schwaben!» Ein Vorgesetzter redete den Mannen ins Gewissen: «Wir sind bereit, fürs Vaterland zu sterben und uns bis zum letzten Blutstropfen zu wehren.» Das Unglück sollte nicht eintreffen. Kurt Schmid ist heute noch überzeugt, dass die Rückzugstaktik von General Guisan, nebst anderen Gründen, dazu führte, dass ein Angriff auf die Schweiz ausblieb.
 
«Frisch war ein ewiger Querulant»

Das Militär brachte Schmid viele Freundschaften ein. Die ehemaligen Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten treffen sich als Kameraden noch immer regelmässig. Von den ursprünglich 200 Mann erschienen bei der diesjährigen Zusammenkunft nur noch 5. Einer, den Schmid ebenfalls im Militär kennenlernte, war der Schriftsteller Max Frisch. Ein ewiger Querulant sei er gewesen. Und weil er weder in der Truppe noch in der Küche eine gute Figur machte, übergab ihm der Kommandant ein eigenes Büro und die Führung des Batterie-Tagebuches. Dort entstand sein literarisches Werk «Blätter aus dem Brotsack». Erst später sollte sich Frisch als Antimilitarist outen und kämpfte bis zu seinem Tod gegen die Armee.
 
Kurt Schmid tat dies keineswegs. Er nahm gar gewisse Militärbräuche in seinen Berufsalltag mit. Um in der Drei-Klassen-Schule mit rund vierzig Schülern die Kontrolle zu behalten, ernannte er ältere Schüler zu Gehilfen, denen erjüngere Schüler zur Betreuung zuteilte. Schmid hatte einen Ruf als strenger Lehrer, der jedoch die Zügel lockerte, wenn die Schüler die «Tugenden eines wackeren Schweizers» hielten: Pünktlichkeit, Fleiss und Sorgfalt. Dann sei er im Schulzimmer, im Turnunterricht imWald oder im Schwimmunterricht am Egelsee zum munteren Oberkameradgeworden.
 
Weiterhin voller Tatendrang
 
Auch in seinem Privatleben habe er sich immer an die oben genannten Regeln gehalten. Sie seien in der rohstoffarmen Schweiz ein unersetzliches Kapital gewesen. Mit diesen Qualitäten brachte es Schmid zu einer regionalen Bekanntheit: Davon zeugen etwa die Heimatbücher «Bubikon-Wolfhausen, zwei Dörfer, eine Gemeinde» aus den 1980er Jahren. Diese Werke entstanden unter der Leitung seines älteren Kollegen Max Bührer in Zusammenarbeit mit seinem kürzlich verstorbenen Freund Jakob Zollinger. Noch heute gelten die Bücher als beliebtes Nachschlagewerk, möchte man mehr über die Gemeinden erfahren.
 
Nach 90 Jahren ist bei Kurt Schmid der Tatendrang noch nicht versiegt. Jeden Tag durchforstet er die Zeitungen nach interessanten Informationen, die Bubikon betreffen, um sie feinsäuberlich in einem Ordner zu archivieren. Erholung findet er mit seiner Frau bei den Söhnen, Enkeln und Urenkeln oder im Sängerverein Wolfhausen. Das Leben von Kurt Schmid nimmt seinen Lauf, und die Geschichte wird weitergeschrieben.

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