Es ist eine Zeitreise durch 175 Jahre Industrialisierung, die einem in Bäretswil seit gestern Sonntag erwartet. Ein Sonntag „an dem die Arbeit ruht und sogar die Flugzeuge nicht fliegen“ – wie der Regierungsrat und Baudirektor des Kantons Zürich Markus Kägi bei seiner Eröffnungsrede festhielt. Nur in letzterem Punkt sollte er Recht behalten: Wenige Minuten später ratterte es laut aus dem angrenzenden Industrie-Ensemble Neuthal. Als ob sich der Geist des einst hier lebenden Industrievaters Adolf Guyer-Zeller trotzig zu Wort meldete: „Wenn die Triebwerke der Flugzeuge schon nicht heiss laufen, dann wenigstens die Maschinen unseres einst so blühenden Industriezweigs.“
Die Revolte der Handarbeiter
Mit einer Revolte nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf. 1832, als sich die Handweber in Uster zusammenschlossen, um das „Teufelswerk“ zu besiegen, das sie um Arbeit und Brot bringen sollte: Den mechanischen Webstuhl. Doch auch die heimtückische Abfackelung der Spinnerei Trümpler konnte den Siegeszug dieser technischen Innovation nicht aufhalten. Die Maschinenfabrik Rüti um Gründervater Caspar Honegger verkaufte ein paar Jahrzehnte später seine Teufelswerke in der ganzen Welt. Raubte die Maschinenindustrie einst den Handwebern die Arbeit, so brachte sie später ganze Heere von Ingenieuren und Handwerkern hervor. Im Jahr 1929 beschäftigte die Maschinenfabrik Rüti 2080 Angestellte. Im Jahr 1985 generierte die Nachfolgeorganisation Sulzer AG einen Rekordumsatz von 1,2 Milliarden Schweizer Franken.
Die neue Webmaschinensammlung im Neuthal dokumentiert diese geschichtlichen Eckdaten anschaulich: Die erste Maschine, auf das Jahr 1750 datiert und in ihrer Handhabung eher an ein anstrengendes Fitnessgerät erinnernd, produziert auch heute noch feine Stoffe. Oder eine Spezialanfertigung, für deren Bedienung es nur einen Arm braucht, beweist, dass sogar Invalide und kleine Kinder anpacken mussten, um der damaligen Hungersnot zu entfliehen. Später brachte die Maschinenindustrie dem Zürcher Oberland unerwarteten Reichtum, schöne Villen und ein fortschrittliches Image, das bis weit über die Landesgrenzen hinausreichte.
Der Niedergang
In den Neunzigerjahren folgte die grosse Ernüchterung. Nach finanziellen Verlusten wurde die Sulzer Textilindustrie an die italienische Itema Group verkauft und der Standort in Rüti aufgegeben. Auch dies dokumentiert die Sammlung im Neuthal: Eine Maschine aus dem Jahr 1996 erinnert wie ein Brandmahl an die Zeit, als hunderte von Leuten ihre Stelle verloren. Eine ca. fünf Meter breite, aus feinstem High-tech hergestellte Konstruktion, welche die Stoffproduktion auf ein neues Level bringen sollte. Die teure Investition erwies sich als kapitaler Flop. Ein Prototyp der veranschaulicht, wie die Sulzer damals zwar ambitiös, in Wahrheit aber am Markt vorbei produzierte.
Die Sammlung im Neuthal ist auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Hans-Peter Hulliger, Gemeindepräsident von Bäretswil, freut sich über die Entwicklung: „Der traurige Niedergang der Webmaschinenindustrie gehört ab heute der Vergangenheit an.“ Anton Melliger, sein Amtskollege aus Rüti, ist glücklich, dass die Webmaschinen gerettet werden konnten. Dass seine Gemeinde mit der Übersiedlung ins Neuthal auch die letzten Maschinen verlor, stimmt ihn aber nostalgisch: „Es tut schon weh, das zu sehen.“
Die Sammlung, welche den rund 300 Besuchern auch viele Hintergrundinfos anbot, machte eines deutlich: Ein erfolgreiches Kapitel in der Wirtschaft des Zürcher Oberlands kann ad Acta gelegt werden. Der Fokus gehört nun auf die Gegenwart gerichtet, die sich gemäss Hans-Peter Hulliger trotz Wirtschaftskrise positiv entwickelt : „Mit den vielen KMU’s im technischen Bereich ist seit einiger Zeit wieder ein wirtschaftlicher Aufschwung zu spüren.“ Vielleicht kommt jetzt die Zeit eines nächsten Honeggers oder Guyer-Zellers.
Die Webmaschinensammlung kann in Gruppen und auf Anfrage besucht werden. Mehr Infos unter: www.museums-spinnerei.ch
Zürcher Oberländer | Montag, 19. April 2010
Der Niedergang ist Vergangenheit
Der Brand von Uster.
Die Webmaschinen-Sammlung in Neuthal öffnete am Sonntag ihre Tore. Ein Besuch entwickelt sich zu einer historischen Reise in das bis dato bewegteste Wirtschaftskapitel des Zürcher Oberlands.




Kommentare
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Döh: Ãber Zensurla brauchen wir uns hier nicht zu streiten, glaube ich… Und das man in der Ãffentlichkeit auch mal etwas nicht wissen darf, finde ich persönlich vollkommen okay. Aber das hat halt Grenzen. Sowenig, wie ich Ursula von der Leyen das Internet anvertrauen würde, so wenig würde ich den Piraten und den (wenigen) Piratinnen die Haushaltspolitik von Berlin anvertrauen wollen. Wirtschaftspolitische Positionen nachreichen, weil man keine Vollpartei ist? Das ist ebenso sympathisch wie verpeilt.Seb.
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