Eine Situation, die übereifrige Tierschützer auf den Plan rufen könnte: Etwa dreissig Schafe eingepfercht in einem Gehege, das nicht mehr als 10 Quadratmeter misst. Regelmässig öffnet sich die Metalltür und eines der Tiere wird rausgeschickt. Dahinter steht ein Mann, der die Messer wetzt. Er versteht sein Handwerk: Mit groben und kontrollierten Handgriffen bringt er das Schaf in eine optimale Position – widerstand ist zwecklos. Das Tier liegt nun auf dem Rücken, Arme und Beide gestreckt, ehe die elektrische Schere zum Schnitt ansetzt. Von oben nach unter, quer über den Bauch, am Schluss ist der Kopf dran. Das Schaf macht weder Laut noch Wank.
Nach fünf Minuten ist die Prozedur beendet. Zurück bleiben etwa 1.5 Kilogramm Wolle und ein Schaf, das nur noch halb so voluminös ist, wie zuvor. Auch die Tierschützer atmen auf: Das Tier hat keinen Kratzer abgekriegt. Erleichtert gesellt es sich zu seinen Artgenossen – blökende Gemütlichkeit stellt sich ein.
Vielfältige Verwertbarkeit
Die geschorene Wolle ist vielfältig einsetzbar wie der Showroom am auf dem Waldhof zeigte: Es entstehen Decken, Jacken oder Filzteppiche. Im Häuserbau wird Wolle als Isolationsmaterial eingesetzt – ein relativ neuer Verwertungskanal mit Zukunft: In Zeiten des Minergiebooms wird auch gerne auf nachhaltige Isolation gesetzt. Dennoch lässt sich mit der Wolle keine grossen Geschäfte machen: „Es ist für uns gerade mal kostendeckend,“ sagt Roman Diethelm.
Sein Waldhof hat sich als Sammelstelle für Schafswolle etabliert. Jeden Frühling und manchmal auch im Herbst bringen Kleinbauern aus der näheren Umgebung, denen die Infrastruktur zum Scheren fehlt, ihre Tiere bei ihm vorbei. „Das kommt Günstiger, als wenn ich mit der gesamten Infrastruktur zu ihnen fahre,“ sagt Diethelm. Pro Tier bezahlen die Schafsbesitzer ein paar Franken, damit ihnen ein Profi, der sein Handwerk in Neuseeland gelernt hat, ruckzuck das Fell schneidet. Die Schafbauer überlassen die Wolle dem Scherer gleich kostenlos. Sie sind froh, wenn die Tiere – befreit von der dichten Wolle – wieder für den Hauptertrag eingesetzt werden können: Der Produktion von Fleisch- und Milchprodukten.
Körperpflege, die nicht böckelt
Auf dem Waldhof scheinen die Erzeugnisse aus Schafsmilch besonders beliebt. Käseprodukte finden bei den rund 400 Besuchern, die an diesem Samstag das Schafschurfest 2010 besuchen, guten Anklang. Da ist die Hemmung beim Verzehr von Wurstwaren grösser, wenn man zuvor noch einem herzigen Zwergschaf über den Kopf tätschelte. Auch die Pflegeprodukte für Haut und Haar sind eine Kaufsoption: So mancher Waldhofbesucher verliess den Hof mit einer Shampooflasche im Gepäck, nachdem er sich zuvor mittels Geruchstest überzeugte, dass er nach der nächsten Dusche mit Sicherheit nicht böckelt.
„Wir wollen den Besuchern nicht nur die Vielfältigkeit der Schafsprodukte, sondern auch deren Entstehungsweg aufzeigen,“ sagt Diethelm. So bot das Schafschurfest in diesem Jahr nebst dem Produkte-Showroom, einer Schafrassen-Ausstellung, dem Gastroservice und der Schur von rund 120 Schafen auch eine Hirtehundevorführung. Dort konnten sich die Besucher von der Disziplin der Hirtehunde überzeugen. Jeder Militärgeneral würde vor Neid erblassen, wenn er sieht, wie diese Hunde ihre Truppe im Griff haben. Unter dem Kommando des Border-Collies rannten die Schafe über die Weide, ohne sich im angrenzenden Wald zu verlieren. Mal links, mal rechts, immer beisammen und am Schluss wieder ins Gehege zurück. Nicht nur die Hunde präsentierten sich am Waldschurfest im besten Licht, sondern auch die Schafe, die ihren Ruf als pflegeleichte und sympathische Nutztiere an diesem Anlass klar festigten.
Zürcher Oberländer | Montag, 22. März 2010
Blökende Gemütlichkeit am Schafschurfest
Kurz danach gings unters Messer. Foto: mars
Rund 400 Menschen besuchten am Samstag das Schafschurfest in Bertschikon. Von Kosmetikprodukten aus Schafsmilch, über eine Hirtehundevorfürhung bis hin zur Wollverarbeitung, gab es viel zu sehen.




Kommentare
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