Der Gang auf das Gelände der Kulturfabrik in Wetzikon ist wie der Eintritt in eine andere Zivilisation. Fernab der bürgerlichen Ordnungsgesellschaft ist hier eine Gruppierung am Werk, die versucht, sich einen gesellschaftlichen Freiraum zu schaffen. 30 Jahre nach der Gründung der Kulturfabrik ist vieles vom Gedankengut der damaligen Initianten übrig geblieben: «Wir wollten ein kulturelles und soziales Experimentierfeld schaffen, wo verschiedenste Leute zusammenkommen und sich beiihren Ideen unterstützen», sagt Dominic Schaufelberger. Der 52-jährige Musiker ist einer der Gründerväter der Kulturfabrik oder Kulti, wie sie genannt wird. Anlässlich der Unruhen in den 1980er Jahren wollten auch er und seine Mitstreiter aus den gesellschaftlichen Strukturen ausbrechen. In Zürich protestierte die Jugendbewegung für mehr Freiraum, alternative Kunst und gegen die Kommerzialisierung der Kultur. Nach der Räumung des Autonomen Jugendzentrums entstand in Zürich die Rote Fabrik.
Zwischendurch rechtsfreier Raum
Eine Abgrenzung zu den radikaleren Zürcher Jugendprotesten war in der Kulturfabrik in Wetzikon von Anfang zu erkennen. Das Areal funktionierte nicht autonom, sondern bezog Gewerbe und Gesellschaft ins Konzept mit ein: Künstlerateliers standen Tür an Tür mit Bandräumen und gewerblichen Handwerksbetrieben, und die Veranstaltungen waren öffentlich. Diese Konstellation habe immer wieder nach Kompromissen verlangtund interessante Diskussionen provoziert, sagt Schaufelberger. Seit 1985 wird die Kulti von den Mietern und Veranstaltern auch formell selbst verwaltet. Obwohl die Fluktuation innerhalb der Kulti immer gross gewesen sei, hat das Konzept bis heute überlebt. Bewohner und Gewerbe bezahlen in der Kulti tiefe Mietzinse. Es gab aber in der jüngeren Vergangenheit auch schwere Zeiten, wie der Präsident des internen Vereins Kuhalle, Roman Gröbli, bestätigt: «Zwischen 2004 und 2007 waren die Zustände im Bereich der Rampe, des Eingangsbereichs und der Konzerthalle tatsächlich bedenklich. Wollte man ein Konzert veranstalten, musste man erst mal den Abfall wegräumen.» Diese Umstände wiederum hätten Jugendliche angezogen, welche die Kulturfabrik als rechtsfreien Raum betrachteten. Gröbli, Schaufelberger und Georges Egle beschlossen, etwas zu unternehmen, und gründeten im September 2007 den Verein Kuhalle. «Wir wollten den Stiftungsauftrag wieder erfüllen, markierten gegenüber den Jugendlichen Präsenz und organisierten wieder Konzerte.» Die kulturelle Blüte hält bis heute an.
Dritte Generation im Wagenpark
Auch als Wohnstätte ist die Kulturfabrik noch gefragt: In den ehemaligen Scheunen, die inzwischen zu ansehnlichen Wohnungen umgebaut wurden, wächst bereits die dritte Generation heran. Im Wagenpark leben Leute verschiedenen Alters. Es ist denn auch der Gemeinschaftsgedanke, der das Überleben der Kulturfabrik über 30 Jahregesichert hat. Phasenweise profitierte die Kulturfabrik von Unterstützungsgeldern der Gemeinde und einem Festwirtschaftspatent. Aktuell ist der Verein aber nicht auf diese Gelder angewiesen.
Die «Kulti» feiert dieses Wochenende mit einem vielfältigen Programm. Heute ab 21.30 Uhr spielen My Name Is George und Evelinn Trouble. Am Samstag sind ab 22 Uhr Brandhärd, Dynamic Duo und HillBilly Moon Explosion zu Gast, am Sonntag stehen um 11 Uhr Doppelbock mit Christine Lauterburg und um 17 Uhr Zapzarap auf der Bühne. Am Samstag und Sonntag werden Führungen angeboten.
Zürcher Oberländer | Freitag, 28. Mai 2010
30 Jahre von der Gemeinschaft getragen
Dominic Schaufelberger und Rahel Pfister (Foto: Imre Mesterhazy)
Aus den 1980er-Unruhen heraus entstanden, erlebte die Kulturfabrik Wetzikon gute und schlechte Zeiten. Zum 30-Jahr-Jubiläum gewährt das Gemeinschaftszentrum Einblick hinter die Kulissen.



Kommentare
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